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Die Stunde der Lernbegleiter:innen

Wie viele Zertifikate und Zeugnisse haben Sie? Vielleicht 10? 20? 30? Mit Sicherheit viele. Egal, wie digital wir sind, egal, wie schnell Wissen veraltet: Es wird immer den Wunsch geben, einen Nachweis dafür zu bekommen, dass man einen Weiterbildungskurs oder Ähnliches erfolgreich absolviert hat. Das ist gut für Bewerbungen, fürs Selbstbewusstsein, für Postings auf LinkedIn.
Der Weiterbildungsmarkt boomt. Auch weil man hierzulande belegen können muss, dass man das Seminar zu xy wirklich besucht und/oder zu dem Thema eine Prüfung abgelegt hat. Doch ist man dann auch im jeweiligen Themenbereich wirklich handlungssicher, wenn es im Job drauf ankommt? Das steht in dem Zertifikat eher nicht, ist aber für viele auch zweitrangig. Wir sind ein Land der Zertifikatsjäger und -jägerinnen. Jedoch: Wir lernen nicht nur im Rahmen von Seminaren und Trainings. Die spielen meist sogar eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger sind das Miteinander und der Austausch im Job, das tägliche Tun, das Ausprobieren, die Praxis, wenn man ins kalte Wasser – sprich: Projekt – geschmissen wird und schwimmen muss. Dafür gibt’s aber in der Regel kein Zertifikat.

Kontinuierliches Lernen prägt das neue Arbeiten
Es ist durchaus möglich, diverse Scrum-Zertifikate zu erwerben, nachdem man den jeweiligen Multiple-Choice-Test erfolgreich bestanden hat. Ist man dadurch ein guter Scrum Master? Und wussten Sie, dass man sich von der IHK zum Change Manager oder gar zum Digital Change Manager zertifizieren lassen kann?! Im Rahmen von Veränderungen oder Transformationen ist Lernen häufig der Wesenskern. Wir bewegen uns auf neuen Gebieten, arbeiten in einer neuen Projektorganisation, haben neue Aufgaben, verwenden neue digitale Tools zur Zusammenarbeit, wir machen Fehler, bekommen Feedback und wir lernen immer dazu. Das neue Arbeiten ist von kontinuierlicher Veränderung und permanentem Lernen geprägt. Und das läuft alles so schnell, da kommen die Seminaranbieter gar nicht hinterher mit dem Trainingsangebot und dem Ausstellen von Zertifikaten. Wir lernen ja auch immer weniger von Trainerinnen und Trainern als vielmehr von den  Kollegen und Kolleginnen, in Netzwerken, in Projekten oder indem wir uns etwas selbstständig aneignen – per Youtube zum Beispiel – und das zu dem Zeitpunkt, wenn wir es brauchen – und  nicht, wenn der jeweilige Kurs wieder im Programm ist. Im Grunde genommen muss in diesen Zeiten, die geprägt sind von Veränderung und Unsicherheit, in denen wir nicht wissen, wie die  Arbeitswelt in zwei Jahren aussieht, allen klar sein, dass nichts wichtiger ist für die Beschäftigten als das selbstorganisierte Lernen, die Fähigkeit zu lernen sowie die Offenheit für Veränderungen. Diese Metakompetenzen sind  die Basis, um nicht den Anschluss zu verlieren. Und wenn Mitarbeitende Widerstand gegen Wandel leisten, dann hat das nicht selten damit zu tun, dass sie sich  nicht gewappnet fühlen. Sie fürchten, nicht die geeigneten Ressourcen und nicht die notwendigen Kompetenzen zu haben, um die persönlichen Veränderungen meistern zu können. Deshalb braucht es einerseits Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit. Andererseits müssen Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter an der Seite der Beschäftigten stehen und sie unterstützen, wo es möglich  ist. Das kann im Rahmen von Netzwerken passieren, das können HRler oder Agile Coaches sein – egal. Ich bin davon überzeugt, dass heutzutage, da so ziemlich jedes Unternehmen in der digitalen Transformation steckt, die Stunde der Lernbegleitung und Kompetenzentwicklung schlagen muss. Zertifikate können dann meinetwegen auch beim Up- und Reskilling reichlich  ergeben  werden. Die sind gut fürs Ego. Ich werde übrigens im März nächsten Jahres eine Ausbildung zum Mediator machen. Natürlich habe ich auch geschaut, dass es dafür ein schönes Zeugnis gibt.  vermutlich werde ich es auf LinkedIn posten. [JCW]