Wie unfair ist das denn?!


Aufgespießt - die Kolumne von Chefredakteur Jan C. Weilbacher

Aufgespießt: Als Chefredakteur von changement! schaut Jan C. Weilbacher kritisch auf Themen rund um Transformation und Change Management. Im Rahmen der Ausgabe 05/2020 teilt er seine Gedanken zur Fairness in Veränderungsprozessen und zeigt, wie wichtig die Kommunikation auch in der Corona-Situation ist.

Kennen Sie das? Ich bin mir sicher, dass Sie es kennen: dieses Gefühl, unfair behandelt worden zu sein. Sie haben mit der Beförderung gerechnet, haben sich krumm und bucklig gearbeitet und dann wird der Maier bevorzugt oder die Schmidt, die weniger geleistet haben. Oder Sie sind der Ansicht, im Team mehr als die Kollegen zu arbeiten, und dann finden Sie heraus, dass Sie viel weniger verdienen – bei gleicher Qualifikation. Das ist unfair! Man möchte eigentlich schreien oder etwas durch die Gegend schmeißen, wenn man nicht so gut erzogen wäre.
Aber die Sache ist: Wenn dieses Gefühl nicht artikuliert wird, das Gefühl, unfair behandelt zu werden, dann führt das zu Frust. Auch im Rahmen von Veränderungen in Organisationen sollte deshalb der Aspekt der Fairness Berücksichtigung finden. Anderenfalls nimmt die Unternehmenskultur Schaden. Dass in der Corona-Krise die Unterstützung für die Beschränkungen gebröckelt ist, hat auch mit Fairness zu tun, genauer gesagt: was subjektiv für fair gehalten wird. Und wenn es um Fairness geht, spielt meistens der Vergleich mit anderen eine Rolle.

So gab es beispielsweise von der IHK Ulm Ende April folgende Mitteilung: „Es ist absolut nicht nachvollziehbar, dass Unternehmen mit gleichem oder ähnlichem Geschäftsinhalt unterschiedlich behandelt werden, wenn sie corona-konforme Hygiene- und Schutzmaßnahmen gewährleisten. Es muss der Grundsatz der Gleichberechtigung gelten.“ Wenn Branche A in den Genuss von Lockerungen kommt, aber nicht Branche B, muss es dafür einen sehr guten und nachvollziehbaren Grund geben. Ansonsten finden die politischen Entscheidungen keine Akzeptanz – auch bei Dritten nicht.

Ist der Vergleich zulässig?

Doch die Angelegenheit ist leider meistens komplex. Denn entscheidend ist am Anfang immer, was miteinander verglichen wird und ob der jeweilige Vergleich zulässig ist. Werden also Äpfel miteinander verglichen oder Äpfel mit Birnen? Die IHK Ulm hatte, um die Unfairness plausibel zu machen, zumindest ein nachvollziehbares Beispiel gewählt:

„Einem Fußpflege-Unternehmen, das ärztlich geprüfte Fußpflege anbietet, wird die Öffnung untersagt. Begründet wird dieses Verbot mit dem Infektionsschutzgesetz. Gleichzeitig wird die medizinische Fußpflege in der ersten Corona-Verordnung ausdrücklich gestattet. Der Unterschied zwischen der medizinischen und der kosmetischen Fußpflege liegt im Wesentlichen in der Ausbildung und darin, dass nur die medizinische Fußpflege Kassenpatienten abrechnen darf. Die Tätigkeit der Fußpflege jedoch ist unstrittig nahezu identisch.“ Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, im Rahmen von Veränderungen Entscheidungen zu erklären. Dafür muss man sich die Zeit nehmen. Und man sollte in der Change-Kommunikation vorbereitet sein auf eventuelle Einwände und Gegenargumente; diese gilt es zu antizipieren.

Wenn beispielsweise für den Bereich A Kurzarbeit angemeldet wird, aber nicht für den Bereich B, dann müssen die Beweggründe für die Entscheidung plausibel sein. Ist der Bereich B im Vergleich zu A immer noch voll ausgelastet? Und die Mitarbeiter aus A können nicht so einfach den Job im Bereich B übernehmen? Menschen fühlen sich schnell unfair behandelt, weil es oft um Fragen der Anerkennung und Wertschätzung oder in der Corona-Krise um die schlichte wirtschaftliche Existenz geht. Deswegen ist Kommunikation so wichtig. Aber nicht nur das Erklären von Beweggründen, sondern auch der Dialog ist notwendig. Das heißt nicht, dass der Betroffene dann die jeweilige Entscheidung gutheißen muss, aber er oder sie kann wahrscheinlich nachvollziehen, was die Motivation dahinter war und aufgrund welcher Annahmen und/oder Fakten die Entscheidung getroffen wurde. Das macht das Akzeptieren leichter.

Für die sehr frühe Öffnung von Autohäusern – noch vor anderen Geschäften – habe ich keine nachvollziehbare Argumentation gehört. Ich fand das unfair und habe stellvertretend für andere Geschäftsinhaber, die ihren Laden geschlossen halten mussten, in die Tischkante gebissen. [JCW]

Senden Sie gerne Ihre Meinung an chefredaktion@changement-magazin.de.
Diese Kolumne ist ein Auszug aus der changement!-Ausgabe 05/2020. Hier geht es zum weiteren Inhalt des Heftes.

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