Was wollen wir eigentlich mit dem Büro?


Aufgespießt - die Kolumne von Chefredakteur Jan C. Weilbacher

Aufgespießt: Als Chefredakteur von changement! schaut Jan C. Weilbacher kritisch auf Themen rund um Transformation und Change Management. Im Rahmen der Ausgabe 06/2020 teilt er seine Gedanken zur schwindenden Präsenzkultur und die Chancen für moderne Führung durch Corona.

Eine Menge Mitarbeitende haben dank Corona Gefallen am Homeoffice gefunden und wollen keineswegs zurück zur Präsenzkultur. Ich kann das gut verstehen. Schließlich ist zu Hause konzentriertes Arbeiten einfacher, gibt es keine Qualen im morgendlichen Berufsverkehr und ist die Chance groß, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.

Auch von vielen Unternehmensleitungen heißt es jetzt, man wolle nicht komplett zurück zur alten Präsenzkultur. Ein Grund könnte sein, dass mit der Ausweitung des Homeoffice Büroflächen eingespart werden. Es ist aber auch klar geworden: Homeoffice funktioniert – das Abendland ist nicht untergegangen.

Siemens gehört beispielsweise zu den Firmen, die verstärkt von zu Hause aus arbeiten lassen wollen. Es soll zum weltweiten Standard werden, dass mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden künftig an zwei bis drei Tagen pro Woche nicht mehr ins Büro oder ins Werk muss. Von dem Versicherungskonzern Allianz ist Ähnliches zu hören.

Schub für eine moderne Führung

Corona hat nicht nur dem Homeoffice einen Schub gegeben, sondern auch die Chance mit sich gebracht, Führungsbeziehungen neu zu verhandeln und zu diskutieren. Der- oder diejenige, die führt und derjenige, der geführt wird, müssen beide mit der neuen Situation zurechtkommen. Es macht Sinn, diesen Anlass zu nutzen, um sich einmal darüber auszutauschen, wie Führung aussehen muss, damit auch remote besonders wertschöpfend gearbeitet werden kann.

Die Gelegenheit für eine moderne Führung ist günstig, für eine Führung nämlich, die nicht präsenz-, sondern ergebnisorientiert ist und darauf basiert, den Mitarbeitenden einen Vertrauensvorschuss zu geben. Wenn diese Chance in Organisationen genutzt wird, hätte Corona wohl mehr erreicht als die meisten Führungsseminare, in denen von der Führung auf Distanz nur gequatscht wird.

Die Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager, Inga Dransfeld-Haase, sagt, es gehe darum, die Umstellung langfristig zu gestalten und bei einer Mischform zwischen Präsenz- und Homeoffice-Kultur anzugelangen, ohne dabei den „sozialen Frieden“ unter den Mitarbeitern zu gefährden.

Das neue Ideal soll also die Mischform sein. Aber warum eigentlich? Und warum soll Homeoffice nur an zwei bis drei Tagen möglich sein, wie es die meisten Firmen favorisieren? Warum nicht an vier? Oder an 18 von 20 Tagen? Letztlich ist die Diskussion dazu das Entscheidende. Was braucht es? Wie sehen die unterschiedlichen Meinungen in der Organisation aus? Nie war der Zeitpunkt besser, um in den Unternehmen über Führung und Arbeitsbedingungen zu sprechen.

Wozu brauchen wir das Büro? Dazu muss gesprochen werden – in Teams, in Unternehmensbereichen, in Organisationen. Die Frage ist sicherlich nicht leicht zu beantworten. Natürlich hat das Büro gegenüber dem Homeoffice seine Vorzüge. Dort kann der Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen stattfinden, das kreative Arbeiten in der Gemeinschaft, das gemeinsame Ideen-Spinnen.

Vielleicht ist das Ergebnis der Diskussion irgendeine Mischform, die da heißt: Bitte an drei Tagen im Büro arbeiten. Zu empfehlen wäre ebenfalls, sich zu überlegen, ob – wenn möglich – nicht alle Mitarbeitenden an denselben Wochentagen ins Homeoffice gehen können, um zukünftig hybride Meetings zu vermeiden. Denn das hat sich auch gezeigt durch Corona: Hybride Meetings sind Mist. Wenn ein Teil der Teilnehmenden vor Ort ist und ein anderer per Video teilnimmt, ist das für alle unbefriedigend.

Corona hat in zahlreichen Unternehmen deutlich gemacht, dass man ohne Probleme die große Mehrheit der Mitarbeitenden im Homeoffice arbeiten lassen kann. Weil sie eben mündige Menschen sind, die verantwortlich handeln im Sinne der Firma. Genau diese Wahrnehmung sollte bei Unternehmensleitungen und Führungskräften nun von Dauer und nicht nur corona-bedingt vorherrschen. Sie ist auch für den weiteren Austausch wichtig, wenn es darum geht zu diskutieren, welche Führung nun nötig ist und was eigentlich der Nutzen des Büros ist. [JCW]

Senden Sie gerne Ihre Meinung an chefredaktion@changement-magazin.de. Diese Kolumne ist ein Auszug aus der changement!-Ausgabe 06/2020 zum Thema „Der Weg zum nachhaltigen Unternehmen“. Hier geht es zu weiteren Inhalten des Heftes.


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