Sag mir nicht, was ich tun soll


Aufgespießt - die Kolumne von Chefredakteur Jan C. Weilbacher

Aufgespießt: Als Chefredakteur von changement! schaut Jan C. Weilbacher kritisch auf Themen rund um Transformation und Change Management. Im Rahmen der Ausgabe 07/2020 teilt er seine Gedanken über den natürlichen Wunsch des Menschen zur Entscheidungsfreiheit und was das für Veränderungsprozesse bedeutet.

In dem Podcast New Work Chat von Gabriel Rath war vor einiger Zeit Marcus Raitner zu Gast. Er arbeitet bei der BMW Group IT als Agile Transformation Agent. Er ist ein Mann, der viele schlaue Dinge zum Thema Veränderung von sich gibt – so auch in dieser Podcast-Folge. Ruhig und sachlich tut er das. „Menschen wollen sich verändern, sie können es auch. Was sie aber nicht mögen, ist, wenn jemand anderes versucht, sie zu verändern“, sagt er zum Beispiel und man muss nicht nur bei dieser Aussage heftig mit dem Kopf nicken.

Und dann wird er gleich darauf sogar etwas emotional: „Ich hasse es, wenn jemand anderes mir sagt, was ich machen soll. Und ich glaube, andere mögen das auch nicht.“

Womöglich hätte Marcus Raitner dieses „Ich hasse es…“ bei einem schriftlichen Interview nachträglich herausnehmen lassen – zum Glück war es ein Podcast. Diese Aussage kam aus tiefstem Herzen und ich – auf dem Fahrrad sitzend – musste wieder nicken und dachte: „So isses. Ich hasse das auch.“

Egal, wie gut der oder die andere es meint, wie richtig die Veränderung auch sein mag: Wenn jemand mir sagt, was ich zu tun habe, habe ich schon keine Lust mehr bzw. suche nach Argumenten, die meinen Widerstand untermauern. Meine Frau kennt das.

Und bei meinen Kindern kann ich das im Übrigen auch beobachten. Mir scheint, sie haben ein starkes Streben nach Selbstbestimmung in sich.

Ich: Ich habe dir ein Crossaint mitgebracht.

Sohn: Menno.

Ich: Du magst doch Crossaints.

Sohn: Ich wollte mir aber selbst etwas aussuchen.

Der Mensch will seine Freiheit erhalten

Dass es im Rahmen von Veränderungen in Organisationen wichtig ist, zu erklären, für den Wandel zu begeistern und womöglich zum Mitmachen zu animieren, ist klar. Mir ist aber seit einiger Zeit – auch durch Marcus Raitner – nochmal bewusster geworden, wie ausgeprägt bei vielen Menschen der Wunsch ist, selbstständig entscheiden zu wollen, Herr (oder Frau) über das eigene Handeln zu sein.

In der Sozialpsychologie ist ein ähnliches Phänomen bekannt: die Reaktanz. Dies meint die Abwehrreaktion oder Abwehrhaltung einer Person, der Handlungsspielräume bzw. Handlungsalternativen genommen werden. Dabei ist völlig unerheblich, ob diese Alternativen vorher überhaupt als attraktiv oder als wichtig von der betroffenen Person wahrgenommen wurden. Es reicht die Tatsache, dass sie weggenommen werden bzw. ein Wegfall dieser Alternativen droht. Der Mensch will seine Freiheit erhalten – auch wenn er sie nicht nutzt.

In Organisationen tritt im Rahmen von Veränderungen ganz häufig Widerstand auf, weil Menschen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen oder diese bedroht sehen. Jeder, der Wandel in Unternehmen vorantreiben muss, sollte deshalb von der Theorie der Reaktanz gehört haben, die Eingang in die Arbeitspsychologie gefunden hat.

Die Menschen, die in privaten Bereichen so viele Freiheiten genießen, sind immer weniger bereit, im Unternehmenskontext das genaue Gegenteil zu leben. Das heißt nicht, auf Veränderungen zu verzichten, aber es bedeutet eventuell, dass diese anstrengender werden: Man muss überzeugen, in den Dialog gehen, Menschen dafür gewinnen, dass sie mitgestalten. Es ist eben ein Unterschied, ob ich mir selbst Handlungsalternativen oder Freiräume nehme (und dafür an anderer Stelle Freiheit gewinne) oder ein anderer das für mich tut und ich das nicht beeinflussen kann.

In vielen eher traditionell geprägten Unternehmen wäre schon ein Anfang gemacht, wenn im Rahmen von Veränderungen vor allem Führung die wichtigste Aufgabe erledigen würde: die Mitarbeitenden zu sehen, wahrzunehmen als Menschen mit Ängsten sowie Bedürfnissen, die den inneren Antrieb haben, selbstbestimmt zu handeln – und die womöglich ihre Freiheit erhalten wollen. [JCW]

Senden Sie gerne Ihre Meinung an chefredaktion@changement-magazin.de. Diese Kolumne ist ein Auszug aus der changement!-Ausgabe 07/2020 zum Thema „Strategien für die Digitalisierung“. Hier geht es zu weiteren Inhalten des Heftes.


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