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Plädoyer: Das neue Qualitätssiegel heißt „Educated in Germany“


Früher war „Made in Germany“ das Siegel für Qualitätsprodukte. Im digitalen Zeitalter kann es nur heißen: „Educated in Germany“. Doch die Zeit wird knapp. Amerika und China laufen uns bei neuen Technologien den Rang ab. Deutschland muss viel mehr und viel gezielter in Bildung investieren, meint Boris Gloger.

Viele Jahre haben Deutschlands Manager Silicon Valley abschätzige Blicke zugeworfen. Soviel Energie in die Software-Entwicklung zu stecken, ist zu riskant – so dachten bislang die meisten Unternehmer. Lieber verließ man sich auf die bewährten Geschäftsmodelle. Die Konsequenzen spüren wir jetzt: Tesla treibt die traditionelle Autobranche vor sich her, Amazon wirbelt das Retail-Geschäft durcheinander und unzählige Insuretech- und Fintech-Startups drehen die Finanz- und Versicherungsbranche auf links. Amerika hat uns in Sachen Digitalisierung längst überflügelt, China ist drauf und dran, führende Nation in Sachen KI zu werden. Und hier so? Diesel-Skandal, Massenentlassungen (Siemens), Politik-Blockade. Die Qualitätsetikette „Made in Germany“ verblasst. Die Hardware – also allgemein das produzierende Gewerbe – verliert in der digitalisierten Welt rasant an Bedeutung.

Mensch oder Maschine
Es geht allein um die Software. Immer mehr CEOs dämmert es, dass die Software-Entwicklung in einer digitalen Welt der Treiber für Unternehmenserfolg ist. Goldman Sachs etwa beschäftigt inzwischen mehr Software-Entwickler als Facebook und Twitter zusammen. Aus dem Kostenblock ist ein Innovations- bzw. sogar Value-Treiber geworden. Für Unternehmer ist dies eine riesige Chance, weil die Markteintrittsbarrieren deutlich geringer sind als im produzierenden Gewerbe. Cleverness und Durchhaltevermögen ersetzen riesige Produktionshallen und Heerscharen von Arbeitskräften. Für die Gesellschaft aber ist dies ein zweischneidiges Schwert, weil mit der Digitalisierung die Effizienz von Prozessketten auf ein Maximum getrieben wird. Die Frage „Mensch oder Maschine?“ verschärft sich damit und wird mit steigendem technischem Fortschritt immer öfter pro künstliche Intelligenz entschieden. Die Leistungsgesellschaft wird damit auf ein neues Level gehoben, weil Arbeitnehmer nicht mehr untereinander konkurrieren, sondern immer mehr mit Systemen, die fehlerfrei und ganz ohne Launen und Krankheitstagen auskommen. Und dabei ziehen sie häufig den Kürzeren.

Nur weil Deutschland noch an verkrusteten Strukturen, veralteten Management-Methoden und weitgehend standortpolitisch motivierten Subventionen festhält, bedeutet es nicht, dass diese Entwicklung uns nicht mit voller Wucht treffen wird. Im Gegenteil: Je weiter wir im globalen Innovationswettbewerb zurückfallen, desto größer wird die Gefahr der gesellschaftlichen Spaltung. Wenn unser Leistungsbeitrag in der digitalen Welt überwiegend darin besteht, die Pakete für Amazon an den Kunden auszuliefern, ist dies nur ein kleiner Schritt bis zum bedingungslosen Grundeinkommen. Doch eine staatliche Mindestversorgung für alle Bürger ist kaum mit einer Leistungsgerechtigkeit und erst recht nicht mit den Bedingungen des globalen Wettbewerbs vereinbar. Es geht nicht darum weniger, sondern mehr Anreize für Leistung zu schaffen. Doch das beginnt nicht bei den Arbeitnehmern selbst, sondern viel früher: im Kindergarten bzw. in der Schule.

Deutschland, wach auf!
De facto haben wir ein Schulsystem, das mit der rasanten Entwicklung der Wirtschaft nicht ansatzweise mitgehalten hat. Es ist im Muff der 50er Jahre steckengeblieben. Frontalunterricht, Auswendigpauken, starre, seit Jahrzehnten kaum veränderte Lehrpläne. Die Außenfassaden der Schulen geben dafür häufig das passende Bild: baufällig. 4,2 Prozent seines Bruttoinlandproduktes investiert Deutschland in Bildung und liegt damit weit unter dem Durchschnitt. EU-Spitzenreiten Dänemark etwa kommt nach Angaben des europäischen Statistikamtes Eurostat auf sieben Prozent.

Wenn wir unsere Gesellschaft also fit für das digitale Zeitalter machen wollen, so erfordert das aus meiner Sicht:

  • Mehr Investitionen in Bildung: Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft hält etwa eine Steigerung der öffentlichen Bildungsausgaben um jährlich zwölf Milliarden Euro für notwendig. Finanzierbar wäre dies durchaus, denn allein die Steuerverschwendungen in Deutschland betragen jährlich mehrere Milliarden Euro.
  • Mehr Praxisbezug in den Lehrplänen: Es mag für denjenigen, der sich bei „Wer wird Millionär?“ bewirbt, sinnvoll sein, beispielsweise die Länge der Donau genau beziffern zu können, im Arbeitsleben hilft dies nur bedingt. In der Praxis sehen wir stattdessen hochqualifizierte Studenten, die Probleme haben, fehlerfreie Texte in ihrer Muttersprache zu verfassen. Doch wenn diese Basis fehlt, wer soll Absolventen dann für die Unternehmenswelt so elementare Fähigkeiten wie Kreativität und Risikobereitschaft vermitteln?
  • Mehr Agilität bei der Wissensvermittlung: Lehrer agieren wie Unternehmenslenker vor 20 Jahren: Alles hört auf mein Kommando! Doch die Wirtschaft erkennt gerade, dass kleine interdisziplinäre Teams mit einer iterativen Methodik häufig schnellere und bessere Ergebnisse erzielen. Wir wissen aber auch: Die Umstellung vom Wasserfallmodell hin zu Management Frameworks wie Scrum ist bei gestandenen Managern meist kein einfacher. Besser wäre es die Kleinen von Anfang an an solche Teamarbeit heran zu führen.

Es wäre aus Sicht der Wirtschaft und damit letztlich auch aus Sicht der Gesellschaft deshalb wünschenswert, „Made in Germany“ in „Educated in Germany“ transformieren zu können.

Autor: Boris Gloger
Boris Gloger, 49, ist Gründer und Geschäftsführer der Boris Gloger Consulting GmbH, einer der führenden Managementberatungen im Bereich des agilen Change Management und der agilen Produktentwicklung. Die Beratung mit Sitz in Baden-Baden und Wien ist auf das Management-Framework Scrum spezialisiert.


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