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Othering


"Oft setzt Othering auf Stereotype, also auf prägnante Kennzeichen, die verbreiteten Vorstellungen entsprechen und auf den ersten Blick erkannt werden können." ©istock/fizkes

Der Begriff „Othering“ ist vom englischen Adjektiv „other“ abgeleitet. Seine Funktion liegt in der Differenzierung vom „Anderen“: Über die Assoziationen unnormal, abweichend, befremdlich errichtet es eine Schranke zwischen „uns“, den scheinbar Richtigen, und „jenen“, den anderen und damit angeblich Verkehrten. Das Othering nutzt diese Distanzierung, kann bei Veränderungsprozessen ein Wirgefühl erzeugen und Energien für den Wandel freisetzen. Andererseits birgt die übertriebene Anwendung erhebliche Risiken, besonders für die Zeit nach der Transformation.

Wohl jeder, der im Business tätig ist, hat bereits „geothert“, nach außen und nach innen: beim Vergleich mit dem Wettbewerb, besonders zur Betonung eigener Vorteile, oder zur Verdeutlichung von Defiziten anderer Bereiche im Unternehmen. So othert ein Fahrzeughersteller wie Mercedes mit dem Claim „Das Beste oder nichts“ und ein Wirtschaftsjournalist wie Keith H. Hammonds mit seiner Polemik „Why we hate HR“. Menschen brauchen den Vergleich, am liebsten zu ihren Gunsten, denn aus ihm ziehen sie die Maßstäbe zur Beurteilung der eigenen Situation, wie die beiden Soziologen Adam Przeworski und Henry Teune bereits 1970 aufzeigten. Ohne Vergleiche, so ihr Kernargument, würden wir uns in unserem Umfeld, mit seinen nahen und fernen Menschen, nicht einordnen können.

Differenzierung durch Distanzierung

Noch raffinierter als in der Wirtschaft lässt sich die Nutzung sachlicher Antagonismen und menschlicher Antipathien in der Politik beobachten. Dort wird geothert, egal ob einer „Yes we can!“ oder „America first!“ ausruft. Denn damit wird im gedanklichen Nachsatz verdeutlicht, dass alle, die beim „Wir“ nicht mitziehen, dem Gemeinwohl nicht dienen und dass alle, die nicht „America“ sind, bei Deals keine Vorteile erwarten können. Am deutlichsten fällt das Othering vermutlich im Sport aus. Fans machen aus ihrer Parteilichkeit meist keinen Hehl und entwickeln Überlegenheitsgefühle, die allzu oft in ungebührlichem oder aggressivem Verhalten gipfeln. Diese Fankultur war erst kürzlich bei der Fußballweltmeisterschaft zu beobachten. Solange es Nationalmannschaften gibt, bleibt ein vereinigtes Europa wohl ein Mythos.

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Zum Autor

Martin Claßen ist selbstständiger Berater und Chefredakteur von changement!

Karl-Heinz Reitz ist Geschäftsführer und HR-Direktor bei Computacenter in Deutschland sowie Beirat von changement!


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