Daran bin ich gewöhnt


Aufgespießt - die Kolumne von Chefredakteur Jan C. Weilbacher

Aufgespießt: Als Chefredakteur von changement! schaut Jan C. Weilbacher kritisch auf Themen rund um Transformation und Change Management. Im Rahmen der Ausgabe 04/2020 teilt er seine Homeoffice-Situation und zeigt, wie schnell wir Menschen uns doch an strapazierende Umstände anpassen können – aber eben nicht auf Dauer.

Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an ein Leben im Homeoffice gewöhnt: nicht nur einmal in der Woche, sondern jeden Tag – und kein Ausweichen in ein Café. Und dann sind auch noch die Kinder zuhause, auch jeden Tag, von morgens bis abends. Drei Jungs. Die halten sich nur bedingt an die vorgegebene Struktur, bringen häufig die gut konzipierten Pläne durcheinander. Aber irgendwie kalkuliert man das mit der Zeit ein.
Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass das geht. Doch es geht. Es ist nicht immer schön und nicht wahnsinnig produktiv, aber es geht. Nach ein paar Tagen hat man sich dran gewöhnt. Kein Büro, kein Plausch mit den Kollegen in der Küche, keine persönlichen Meetings. Von jetzt auf gleich alles digital. Nur noch Video Calls. Schon nach ein paar Tagen ganz normal.

Ein enormer Eingriff in die Freiheit

Ich hätte auch nicht – genauso wenig wie Sie vermutlich – für möglich gehalten, dass es jemals in Deutschland solche Ausgehbeschränkungen geben könnte, einen derartigen Eingriff in die Freiheit. Keine Spielplätze, kein Treffen mit mehreren Menschen, kein Theater, kein Kino, keine Bars. Es ist anders, aber man passt sich an für den höheren Zweck.
Und der Anblick von Menschen, die anstehen, um in den Supermarkt zu kommen, war für mich am Anfang ziemlich verstörend. Bereits beim dritten Mal habe ich es voll akzeptiert und mich ohne zu murren in die Schlange gestellt, mit mindestens zwei Metern Abstand zum Vordermann versteht sich. Klopapier und Nudeln gibt’s nicht mehr. Am Anfang habe ich darüber den Kopf geschüttelt, völlig fassungslos, hab ein Foto gemacht, um es meiner Frau zu zeigen. Später habe ich auch das akzeptiert. Klopapier – das ist nun ein so rares Gut im Supermarkt wie weißer Kaviar.
Ist es nicht erstaunlich, wie dieser Ausnahmezustand, den wir aufgrund von Corona erleben, irgendwann eine Form von Normalität annimmt? Wie schnell wir doch in der Lage sind, uns anzupassen an eine vollkommen neue Situation. Wir sind plötzlich bereit, das digitale Arbeiten auszuprobieren und ernst zu nehmen: Kommunikation, Arbeiten an Dokumenten, Workshops – alles geht auch digital. Gehört und gesagt haben das bis dahin alle. Jetzt haben es die meisten Menschen – zumindest die Wissensarbeiterinnen und -arbeiter – auch wirklich erlebt und gelebt.

Wir sind unglaublich anpassungsfähig

Es wird spannend sein zu sehen, welche nachhaltigen Auswirkungen diese Krise auf die Zusammenarbeit und die Führung in Organisationen haben wird. Eins jedenfalls hat die Krise jetzt schon gezeigt: Wir alle sind unglaublich anpassungsfähig und in der Lage, Krisensituationen schnell anzunehmen und weiterzumachen.
Doch eine Krise in Dauerschleife durchzumachen, das geht selbst für sehr resiliente Menschen nicht. Es braucht eine Perspektive. Das muss kein klares Zukunftsbild, kein Schlaraffenland voll Milch und Honig sein, aber es muss sich ein Weg auftun, auch wenn man nicht weiß, wohin der führt.
Und arbeiten im Homeoffice, mit Kindern unter einem Dach, die eigentlich auch Betreuung bei den Schulaufgaben brauchen oder einfach nur Aufmerksamkeit, das geht auf Dauer ebenso wenig. So stark bin ich nun auch nicht. [JCW]

Senden Sie gerne Ihre Meinung an chefredaktion@changement-magazin.de.
Diese Kolumne ist ein Auszug aus der changement!-Ausgabe 04/2020. Hier geht es zum weiteren Inhalt des Heftes.


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