Meine Firma und ich

Erleben Menschen eine Tätigkeit als sinnstiftend, ist die intrinsische Motivation in der Regel besonders hoch. Neuerdings sprechen aber auch Firmenlenker zunehmend vom Unternehmens-Purpose. Sind das zwei Seiten derselben Medaille – oder geht das gar nicht zusammen?

Es ist ja schon ein besonderer Luxus, dass viele von uns in unserer hochentwickelten und wohlhabenden westlichen Welt nach intrinsischer Motivation, Selbstverwirklichung und sinnvoller Arbeit streben. In meinem Umfeld antworten immer mehr Menschen auf die Frage „Was ist ein Unternehmen?“ in etwa so: Ein Unternehmen ist ein Zusammenschluss von Menschen, die nach dem gleichen Sinn streben. Dieser Trend ist in vielen Studien der vergangenen Jahre deutlich erkennbar. Immer mehr Absolventen und (nicht nur) jüngere Mitarbeiter suchen im Beruf nach Berufung, Selbstbestimmung und Purpose.

Welche Wirkung möchte ich erzielen?

Allerdings hat der Trend noch lange nicht alle erreicht. Viele Menschen haben sich noch keine konkreten Gedanken gemacht, was genau ihr beruflicher Purpose ist. Die typischen Klienten in meinen Individual- oder Team-Coachings sind gestandene Manager und Managerinnen jenseits der 40, die sich häufig in stressigen „Sandwich“-Positionen mit Druck von oben und unten befinden. Wenn ich sie nach ihrem beruflichen Purpose befrage, bekomme ich oft Antworten wie „überleben“, „Familie ernähren“ oder „erfolgreich sein“.

Ich hake dann nach und stelle präzisere Fragen:

  1. Was treibt Dich an, was motiviert Dich?
  2. Was siehst Du als Deine Berufung, wann bist Du in Deinem Element?
  3. Welche Wirkung möchtest Du erzielen, wozu möchtest Du beitragen?
  4. Was sollen die Chefs anlässlich Deiner Verabschiedung in den Ruhestand später mal sagen?

 

Viele schauen mich dann mit großen Augen an: Darüber hätten sie noch gar nicht nachgedacht, heißt es häufig. Und wenn sie anfangen darüber nachzudenken, wird es spannend und diese Fragen lassen sie meist nicht mehr los. Insbesondere angestellte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen realisieren häufig, dass sie meist „Dienst nach Vorschrift“ machen und aufgehört haben, über wichtige Fragen des (Arbeits-)Lebens nachzudenken. Entsprechend sensibilisiert finden die Sinnsucher schnell ein reichhaltiges Angebot an Coaching, Seminaren und Fachbüchern zu intrinsischer Motivation und individuellem Purpose.

Konzerne auf Selbstfindungstrip

In Unternehmen läuft es ganz ähnlich. Die deutsche Konzernwelt scheint derzeit auf Selbstfindungstrip zu sein. Denn in einer globalisierten, komplexen und immer krisengeschüttelteren Welt ist vielen Unternehmen der eigene Purpose und ihr strategisches Narrativ nicht klar. Aber sowohl Shareholder als auch Stakeholder stellen vermehrt Fragen:

  1. Warum existieren wir als Unternehmen?
  2. Was tun wir, um die Welt besser zu machen?
  3. Wie nachhaltig und klimaschonend wirtschaften wir?
  4. Was treibt uns an jenseits von Geld verdienen und Profit maximieren?

 

Purpose-Berater schießen intern wie extern aus dem Boden, um mitzuhelfen, diese Fragen zu beantworten. Viele große und kleinere Unternehmen suchen ihren Purpose und sind erleichtert, wenn sie glauben, ihn gefunden zu haben. Wenn der Purpose und das restliche strategische Narrativ stimmig sind, können Fragen von Bewerbern nach dem „Cultural Fit“ besser beantwortet werden – und Fragen von Mitarbeitern und Stakeholdern zu Nachhaltigkeit, gesellschaftlicher Verantwortung und Klimafreundlichkeit ebenso.

In einem konstruktiven Austausch bleiben

Unternehmen können den Purpose-Trend für sich nutzen, zum Beispiel im Recruiting-Prozess mit Bewerbern und mit neuen Mitarbeitenden während des Onboardings. So hat mich die Kulturwandel-Beratung Senn Delaney, für die ich als freier Berater arbeite, zu Beginn unserer Zusammenarbeit mit anderen neuen Kollegen zu einem Workshop eingeladen. An zwei Tagen wurden unter anderem folgende Fragen reflektiert und diskutiert:

  1. Wie ist unser Purpose-Statement als Unternehmen?
  2. Wie ist es entstanden?
  3. Was könnte es für Dich bedeuten?
  4. Was möchtest Du bei uns bewirken?
  5. Wie würdest Du Dein persönliches Purpose-Statement beschreiben?
  6. Wie passen die beiden Purpose-Statements (Organisation/Person) zusammen, wo gibt es Schnittmengen?
  7. Was motiviert Dich, für und mit uns zu arbeiten?

Es war ein gelungener und „sinn-voller“ Einstieg in die gemeinsame Arbeit.

Das Arbeiten am strategischen Narrativ bietet noch weitere Chancen. Es ermöglicht Unternehmen wie Mitarbeitern, kontinuierlich in einem konstruktiven und sinnvollen Austausch zu bleiben über den Zustand und die Weiterentwicklung des Unternehmens. Purpose-Statements oder auch neue Werte einfach „auszurollen“, hat noch nie funktioniert. Aber Zeit und Rahmen zu geben, diese im jeweiligen Kontext zu reflektieren, weiterzuentwickeln, anzuwenden und mit eigenem Inhalt zu füllen, kann für Organisationen und deren Menschen sehr kraftvoll sein. Purpose wird so zum Treiber und Richtungsgeber und fördert sowohl die intrinsische Motivation des Mitarbeiters als auch die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens.

Kritiker dieses Trends nach mehr Purpose wenden ein, dass mit zu hohen Ansprüchen verwöhnter Mitarbeitender die Wandlungsfähigkeit der Unternehmen abnehmen kann: „Für Mitarbeiter ist es schwer einzusehen, weswegen sie Veränderungen akzeptieren sollten, die nicht ihren Vorstellungen des Zwecks entsprechen“, schrieb der Organisationssoziologe Stefan Kühl in einer der vergangenen changement-Ausgaben.

Das ist ein valides Argument, denn eine (Mit-)Arbeit in einem Unternehmen ist natürlich kein Wunschkonzert. Es gehört aufseiten der Mitarbeitenden und der Unternehmen eine konstruktive und realistische Grundhaltung dazu. Und es braucht für die beschriebenen Prozesse Selbstreflektion, Neugier, Eigenverantwortung sowie einen guten Schuss Kompromissfähigkeit. An einer entsprechenden Haltung und Unternehmenskultur sollten Unternehmen und ihre Mitarbeitenden mit Geduld und Engagement arbeiten. Denn: Von nix kommt nix.

Autor:

Axel Kersten hat seinen Purpose darin gefunden, seine Kunden zur effektiven und „sinn-vollen“ Zusammenarbeit anzustiften. Er arbeitet seit 2013 als Coach, Berater und Facilitator mit immer agiler werdenden internationalen Teams und Organisationen. Zuvor war er in leitenden Funktionen unter anderem bei SAP und der Deutschen Telekom beschäftigt. (www.axel-kersten.de)